Stellungnahme der Abteilung Wirtschaftswissenschaft der Fakultät Rechts- und Wirtschaftswissenschaft, Universität des Saarlandes

Für die Wirtschaftswissenschaften schlägt das Gutachten des Wissenschaftsrates die Zusammenführung der wirtschaftswissenschaftlichen Lehre und Forschung an der Universität des Saarlandes (UdS) und der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in eine Business School Saarland vor. Die Wirtschaftswissenschaftliche Abteilung der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät nimmt hierzu Stellung:


  • Business School Saarland wiederholt die Fehler des gescheiterten Gesamthochschulkonzepts
    Die institutionelle Zusammenlegung der wirtschaftswissenschaftlichen Einheiten von Universität und Fachhochschule zu einer „Business School Saarland“ führt zu einer Gesamthochschule. Dieses bundesweit gescheiterte Konzept hat sich als Irrweg erwiesen und wurde deshalb schon vor gut zehn Jahren aufgegeben. Der Vorschlag des Wissenschaftsrates hat nichts zu tun mit dem Konzept erfolgreicher Business Schools als wirtschaftswissenschaftliche Einheiten von Universitäten, wie z. B. bei der Business School der Universität Mannheim.
    Univ.-Prof. Dr. Peter Loos, Prodekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und Sprecher der Wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung: „Die Business School Saarland ist eine verkappte Gesamthochschule.“
  • Beachtliche Leistungsfähigkeit der Wirtschaftswissenschaften an der UdS
    Die Abteilung Wirtschaftswissenschaft ist überdurchschnittlich in Lehre und Forschung. Bei der universitätsinternen leistungsorientierten Mittelvergabe für 2012 liegt die Wirtschaftswissenschaft nahezu bei allen Kriterien (u. a. Erstsemester, Publikationen, Drittmittel, Promotionen) teils deutlich über dem zur Normierung herangezogenen Bundesdurchschnitt. Bei Publikationen und Drittmitteln glänzt die Abteilung Wirtschaftswissenschaft der UdS mit extrem hohen Vergleichswerten zum Bundesdurchschnitt, während das Gutachten für 2010 deutlich unterdurchschnittliche gesamtuniversitäre Drittmitteleinnahmen des Saarlandes pro Professor/in kritisiert.
    Univ.-Prof. Dr. Michael Olbrich, Sprecher des Professoriums: „In der Wirtschaft würden hoch leistungsfähige Einheiten erhalten und nicht zerstört werden.“
  • Negative Folgen für den Wissenschaftsstandort
    Durch eine Business School auf Gesamthochschulniveau verliert das Saarland seine Anziehungskraft für Forscherpersönlichkeiten sowie den wissenschaftlichen Nachwuchs.
    Univ.-Prof. Dr. Alois Knobloch, Studienbeauftragter der Abteilung Wirtschaftswissenschaft: „Die Vorschläge bedeuten das ‚Aus‘ für Saarbrücken als Forschungsstandort in den Wirtschafts-wissenschaften.“
  • Abwanderung junger Menschen / negative Folgen für die saarländische Wirtschaft
    Durch eine Business School Saarland wird der über Jahrzehnte hinweg etablierte Markenname eines wirtschaftswissenschaftlichen Abschlusses an der Universität des Saarlandes vernichtet. Die saarländische Jugend wird in einem anderen Bundesland eine universitäre wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung anstreben, umgekehrt zieht das Land keine jungen Menschen mehr aus anderen Ländern an, um hier Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Die saarländische Wirtschaft wird ihren Bedarf an hoch qualifizierten Wirtschaftswissenschaftlern nicht mehr decken können, zudem gehen dem Land wirtschaftliche Impulse durch zurückgehende Studierendenzahlen verloren.
    Univ.-Prof. Dr. Andrea Gröppel-Klein: „Dies ist ein demographischer Aderlass.“
  • Missverhältnis zwischen Einsparvolumen und Studierendenanteil offenkundig
    Der Wirtschaftswissenschaft an der UdS wurden in 2012 laut Gutachten des Wissenschaftsrates rund 6,5 Mio. Euro Grundmittel zugewiesen. Dies entspricht 3,6% des für die Jahre 2015-2020 auf 179 Mio. Euro anzusetzenden jährlichen Gesamthaushaltes. Betroffen sind 14% der Studierenden der Universität, rund 2.700 von 18.300 Studierenden. Einem relativ geringen potentiellen Sparvolumen steht also ein beträchtlicher Anteil betroffener Studierender gegenüber. Dabei ist die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung an der UdS zudem um knapp ein Drittel günstiger ist als die an der HTW.
  • Die Empfehlung bedeutet einen Kahlschlag mit unbekannten Risiken und Nebenwirkungen
    Das Gutachten lässt offen, wie durch die Zusammenführung der Wirtschaftswissenschaften von UdS und HTW beim Gesamtvolumen von 13 Mio. Euro das erklärte Ziel der Restrukturierung, „Ressourcen einzusparen“, erreicht werden soll. Die Zusammenlegung allein bietet kein Sparpotential, folglich müsste die Studierendenzahl drastisch gesenkt werden. Dann sind negative finanzielle Konsequenzen für Universität und Land, z. B. bei der Bundesförderung über Hochschulpaktmittel und den Länderfinanzausgleich, zu erwarten. Der Wissenschaftsrat gibt sogar zu, dass sich die Wirkungen nicht im Einzelnen analysieren ließen. Dabei gilt es besonders zu beachten, dass die Wirtschaftswissenschaft der UdS Studiengänge anbietet, deren Absolventinnen und Absolventen in der Wirtschaft stark gefragt sind.
    Univ.-Prof. Dr. Gerd Waschbusch: „Tee und Kaffee schmecken nur getrennt gut, aber nicht zusammen.“
  • Nachgefragte Qualifikationsprofile werden für ein gescheitertes Konzept aufgegeben
    Universitäten vermitteln Anwendungsbezug und Theorie in der Lehre forschungsgeleitet, während Fachhochschulen einem praxisorientierten Ausbildungskonzept folgen. Diese bei Studierenden und am Arbeitsmarkt bewährte Differenzierung wird aufgegeben: Neben der saarländischen Jugend ist hiervon ganz wesentlich die saarländische Wirtschaft betroffen. Der vom Wissenschaftsrat gewonnene Eindruck, dass „für die meisten Bedarfe der Wirtschaftsunternehmen im Saarland die Absolventinnen und Absolventen der HTW ausreichend qualifiziert sind“, wird dem differenzierten Anforderungsprofil der hiesigen Wirtschaft nicht im Geringsten gerecht.
    Knobloch: „Wenn das Signal, ein einfaches Qualifikationsprofil genüge dem Saarland, durch die Umsetzung des Konzeptes bestätigt würde, wäre dies fatal für die Attraktivität des Standortes Saarland und damit für unsere Zukunft.“


Dem entsprechen Reaktionen von saarländischen Wirtschaftsvertretern, die spürbare Nachteile für die Wettbe¬werbsfähigkeit des Landes befürchten, wenn Nachwuchs und Forschungsergebnisse der Saarbrücker Universität ausbleiben:

Dr. Dieter Scheid, Geschäftsführer der Scheid AG & Co KG und Vorsitzender der Fördergesellschaft des Instituts für empirische Wirtschaftsforschung: „Viele saarländische Unternehmen fördern seit Jahren aus gutem Grund den wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchs und die Forschung. So erbringt bspw. die Mittelstands- und Handelsforschung wie auch die Konsumforschung an der Universität unverzichtbare Beiträge für die saarländische Wirtschaft. Wir sind entsetzt über die vorgelegten Ideen.“

Dr. Ferri Abolhassan, Saarbrücken, Geschäftsführer von T-Systems, der Großkundensparte der Deutschen Telekom: „Unser Unternehmen ist langfristig auf hervorragend ausgebildete Fachkräfte angewiesen, dazu gehören auch Wirtschaftswissenschaftler von Universitäten. Wir brauchen Experten, um unseren Kunden qualitativ hochwertige IT-Lösungen 'Made in Germany' zur Verfügung zu stellen. Standorte mit hochqualifiziertem Nachwuchs haben im globalen Wettbewerb einen entscheidenden Vorteil."

Kurt Reinstädtler, Vorstand Bank1Saar: „Die Universität bringt ausgezeichnete BWL-Absolventen mit Banken-Knowhow hervor. Ein Wegfall der universitären Ausbildung in BWL im Saarland würde zu gravierenden Nachwuchsproblemen führen.“

„Bei der Prüfung und der Beratung von Unternehmen ist die Fähigkeit, hochkomplexe Zusammenhänge zu durchdringen und innovative Lösungskonzepte zu entwickeln, der entscheidende Wettbewerbsfaktor“, so Thomas Witsch, Niederlassungsleiter der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft Ernst & Young. „Hierfür sind wir auf universitäre Absolventen, wie sie die Universität des Saarlandes hervorbringt, angewiesen.“

Prodekan Loos: „Natürlich ist uns klar, dass auch unsere Fakultät ihren Beitrag zur Konsolidierung des Landeshaushalts leisten muss. Kooperationen mit anderen Universitäten aus der Großregion entsprechen unserer Strategie und vermeiden die negativen Wirkungen der vorgeschlagenen Business School. Wir erkennen im Gutachten auch einen Impuls zu einer stärkeren internationalen Verzahnung. Die vorgeschlagene Business School ist jedoch eine Mogelpackung, die in kurzer Zeit zu einem Fachhochschulkonzept mit reduziertem Studienplatzangebot führen würde. Wir dürfen aber die universitäre Ausbildung nicht aufgeben. Damit würden wir die Arbeitsmarktchancen mehrerer tausend Studierender in unserem Land verspielen. Wir sind zuversichtlich, dass Landesregierung und Universitätsleitung den erforderlichen Weitblick haben.“

Der Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Univ.-Prof. Dr. Stephan Weth, wird für die Fakultät insgesamt noch Stellung beziehen.


Kontakt:
Univ.-Prof. Dr. Peter Loos
Tel 0681 / 85775-3106
Email: loos@iwi.uni-sb.de